Ohne mich bist Du nichts - die Macht des Narzissten in Beziehungen

 

 "Ohne mich bist Du nichts!" - das ist der Kernsatz des Narzissten in Beziehungen.

 

Das ist die geistige Machtquelle der Oppressoren, das Schwarze im Auge des Stieres. Und das ist zugleich seine ultimative Schwachstelle. Wer diesen Kernpunkt im Narzissten gefunden hat, weiß wie er sich augenblicklich und ein für alle Mal von seinem dominierenden und häufig subtil manipulierenden Einfluss befreien kann.

 

Die Macht des Narzissten ist darauf ausgerichtet, seine Umwelt niemals als gleichwertige Partner, sondern unbedingt als Lebens- und Energiequelle für sich selbst zu nutzen. Unterdrückung statt Anerkennung, das ist das Lebensmotto des Narzissten. Wertschätzung, Lob für andere stets nur bis zu dem Level wo die Stärkung des Anderen nicht für ihn selbst "gefährlich" werden kann.

Wo nicht durch den energetischen Aufstieg des Anderen der eigene brüchige und rein auf äußerliche Wertmaßstäbe aufgebaute Selbstwert in Frage gestellt wird. Kommt der Andere durch Kraft- oder Wertzuwachs, durch Anerkennung, Selbstliebe, Wertschätzung dem Level des Narzissten zu nahe, beginnt es in diesem zu knirschen.

Ein vages, für ihn nicht fassbares Gefühl von Unwohlsein, Unsicherheit und Bedrohung. Er beginnt sich "wobbly" zu fühlen, wie es im Englischen heißt. Das Wort drückt es gut aus - es wabbelt und wabert unsicher im Unterbewusstsein; der Narzisst beginnt, in seinen Grundfesten zu "eiern".

Ein Narzisst kennt Partnerschaft auf Augenhöhe nicht. Sein System ist darauf justiert, neben sich niemand anderen zu haben. Ganz nach dem Motto des Sonnenkönigs Louis XIV:  "L'ètat c'èst moi- Der Staat bin ich!" - und sonst niemand.

 

Für den Narzissten gibt es entweder "unter-mir-Menschen"- sie dienen ihm in der einen oder anderen Weise. Als Energiebatterien für Liebe und Bestätigung, weil sie ihn anhimmeln oder bewundern, so z.B. in intimer Partnerschaft und engeren Beziehungen.

Diese "Nächsten" müssen gefügig und abhängig gemacht werden, damit nicht die Gefahr besteht, dass sie ihn eines Tages verlassen. Das erreicht der Narzisst durch Übernehmen schwerer Aufgaben und Verantwortungen für die vermeintlich schwächeren Partner. Durch finanzielle Zuwendungen und Geschenke, durch Verstricken in absichtlich kompliziert gestaltete Konstrukte, die einzig und allein der Fesselung und Inmobilmachung des nahestehenden Menschen dient. Hat der Narzisst diese Abhängigkeit etabliert, empfindet er für seine/n Partner/In nur noch Verachtung. Er braucht Bewunderung dieser Person, verachtet sie aber zugleich für ihre Hingabe, die er aus seiner Wettkampfsicht heraus als Schwäche deutet.


Zu wahrer, bedingungsloser Liebe ist ein Narzisst einfach nicht fähig.

 

Oder es gibt die "über-mir-Menschen", die ihn beeindrucken, weil sie in der gesellschaftlichen Hierarchie über ihm stehen. Menschen die nach äußeren Wertmaßstäben mehr erreicht haben als er selbst: größeres Ansehen im Umfeld, mehr Geld, höhere Position in Firma oder Club, schnelleres Auto, attraktivere/r Partner/In, mehr Einfluss oder Befehlsgewalt über mehr Menschen.  

Diese "über-mir-Menschen" muss der Narzisst einholen und übertrumpfen, in gewisser Weise also ebenso dominieren wie die "unter-mir-Menschen". Die "über-mir-Menschen" sind seine Qual und sein Antrieb; ihr vermeintlicher Glanz muss eingeheimst werden, und das gelingt nur wenn der Narzisst alle Hebel in Bewegung setzt, sich so sehr anstrengt, dass er schließlich das gleiche Level des zuvor über ihm Stehenden erreicht hat oder besser noch über ihn hinaus gewachsen ist.

 

Das ist für ihn der unübertreffliche Kick, DIE Selbstbestätigung schlechthin, die Vergewisserung: "Ich kann alles, ich bin unaufhaltsam, mir sind keine Grenzen gesetzt, mir gehört die Welt!"  - und ich kann mit anderen machen, was ich will!  Denn in seiner Anstrengung, seinem Übertrumpfungs-rausch, geht er gnadenlos über alles hinweg, was sich ihm hinderlich in den Weg stellt.

 

Er erkennt dabei nicht, dass der nach Zielerreichung einverleibte Schein, gesellschaftliche Status, Wohlstandslevel,  ja doch nur wieder zerrinnen kann, weil er bedingt ist, durch Anerkennung, Bewunderungsenergie von Außen, vom Fanclub sozusagen. Für den Narzissten ist Glanz das, was andere für gut befinden; das Ja oder Nein ihrer Augen, die Art und Weise wie sie über ihn sprechen, das ist für ihn die Rückspiegelung des eigenen Wertes. Eine äußerst flüchtige und per se fragile Weise der eigenen Selbstbestätigung also, denn die Meinung der Anderen kann ja schwanken und wird wiederum beeinflusst von kollektiven gesellschaftlichen Normen.

Die Persönlichkeit des Narzissten ist eine artifizielle Hülle, die aufgebaut wurde, gestärkt und erhalten wird durch Aufmerksamkeitsenergie von Außen. Im inneren dieses künstlichen Konstrukts findet sich die stets wiederkehrende Unsicherheit: "Bin ich gut genug, bin ich stark genug, mach ich`s richtig, kann ich es halten...?"

 

Das Leben der Narzissten ist ein ständiges sich vergleichen mit anderen. Immer muss unter-schwellig gescannt werden, wo stehe ich und wo der/die andere auf der Wertungsskala. Immer ist da der Drang zu Konkurrenz, Wettkampf und Unterwerfung. Ein permanentes Getriebensein, höher, schneller, weiter...

 

Richtig wohl fühlt sich ein Narzisst also nur unter Menschen, die er als schwächer und weniger wert wahrnimmt. Narzissten haben einen ausgeprägten, für sie überlebensnotwendigen Riecher für Menschen mit geringem Selbstwert und schwachem Ich. Jene sind schnell beeindruckt von der aufgesetzten, künstlichen Stärke und Wertigkeit des Narzissten, weil sie nicht erkennen, dass es ihre eigenen Bewunderungsenergie ist, die den Narzissten "aufbläst".
Projektion - die eigene Schwäche soll kompensiert werden durch die vermeintliche Kraft im narzisstischen Partner. Wenn diese Bewunderung statt in Richtung Narzisst in die eigene Person geleitet würde, wäre die zuvor empfundene Schwäche sofort gefüllt.

Narzissten und Menschen, die zu Projektionen neigen, passen gut zusammen. Jeder spielt die zugeeignete Rolle: Ich Tarzan, Du Jane. Der Narzisst ist der Macker, der alles wuppt; die Projizierende, die nie gelernt hat, ihre volle Power zu ihrem eigenen Nutzen zu gebrauchen, schiebt ihm ihre Kraft zu, hängt sich an seine Schulter und lässt sich von ihm von Ast zu Ast schwingen.

 

Je länger und intimer die Beziehung andauert, desto mehr Eigenkraft des vermeintlich schwächeren Parts fließt in den Narzissten. Beide werden in gewisser Weise abhängig von einander: Der Narzisst weil er mit dem Weggang der/s Partner/In viel Bewunderungsenergie verlieren würde und der/die Partner/In, weil sie sich mit der Zeit durch die Weggabe ihrer Power immer schwächer und unwerter fühlt. Zwischen beiden formt sich die stille Suggestion: "Ohne mich bist Du nichts - ohne Dich bin ich verloren."

 

DER Machtknüppel also in narzisstischen Beziehungen! Regt sich der Wille zur Loslösung in einem der beiden, bläht sich dieser Machtsatz zur gnadenlosen Drohung auf, gespeist aus den Ängsten beider.

 

Und auch mit anderen Energien geht der Narzisst gerne Symbiosen ein. Bewunderung, Liebe und Angst beflügeln ihn, weil sie seine Wertigkeit und Macht bestätigen. Hass und Antipathie nimmt der Narzisst ebenfalls gerne entgegen, denn diese befeuern ihn und reizen seinen Dominanzwillen.
Er geht sofort in einen Wettstreit mit dem Opponenten, der es wagt, ihn zu kritisieren oder demontieren zu wollen. Eine Phase der erregenden Belebung, denn alle verfügbaren bewussten und subtilen Kräfte werden automatisch mobilisiert, um als Sieger hervorzugehen aus dem Affront, in Frage gestellt worden zu sein. Aus diesem ewigen Unterwerfungsspiel erhält der Narzisst seine Lebensenergie. Je mehr er seine Umwelt triggern und in Wettkämpfe verwickeln kann, desto mehr Kraft fließt ihm von deren aufgewendeter Gegenenergie zu.

 

Ein Narzisst ist ein Energiesauger durch Konkurrenz und Dominanz!

 

Das Jericho des Narzissten ist es jedoch, wenn er auf jemanden trifft, der so in sich ruht, dass ihm die Meinungen von Außen völlig egal sind. Eine Person, die ultimative Freiheit in sich gefunden hat, weil sie sich aus bedingungsloser Liebe zu sich selbst und dem Leben speist. Dieser wahrhaft in sich selbst zentrierte Mensch bringt einem Narzissten nur eines entgegen: völlige Gleich-gültigkeit, absolutes Unbeeindrucktsein vom narzisstischen Gebaren.

 

Das stürzt den Narzissten in einen bodenlosen Abgrund. Kein Halten, kein Gerüst, keine Vergleichsmöglichkeiten, an denen er anknüpfen oder mit denen er sein Gegenüber ins Unterwerfungsspiel ziehen könnte.

 

Man muss das Ganze wirklich aus energetischer Sicht sehen, um die ganze Tragik dahinter zu durchschauen. Der Narzisst ist in sich leer, ohne wahren Selbstwert. Da ist kein wirklicher Kern im Inneren, weil er von klein auf darauf getrimmt wurde, sich so zu verhalten und zu denken wie es im Außen vorgegeben wurde. Ureigene Gefühle aus seelischer Intuition heraus durften nicht ausgedrückt oder gar gefühlt werden, weil sie von außen negiert, herabgewürdigt oder bestraft wurden. Der Narzisst musste sich in früher Kindheit selbst abschneiden von seiner ureigenen Wahrheit, seinem ureigenen Leitsystem, seiner seelischen Führung. Was sich bildete und blieb war die kernlose Persönlichkeit, die nur existieren kann durch Orientierung am Ja oder Nein von Außen.

 

Aus diesem Grund braucht ein Narzisst immer ein konstantes Basisreservoir von Menschen, die an ihn glauben und ihn bewundern. Um diese Menschen in Bewunderung zu halten, braucht er wiederum auch stets ein gut gefülltes Bankkonto, Hab und Gut, Statusobjekte, die nach außen hin große Wertigkeit symbolisieren. Narzissten müssen beständig in Partnerschaften und sehr häufig auch Mitglieder in Vereinen sein. Partner/Innen, die sie bewundern und Clubmitglieder, die ihnen Respekt und Anerkennung, vielleicht auch Neid entgegenbringen, weil sie durch angestrengtes Bemühen in kurzer Zeit hohe Posten im Verein erreichen.
"Nur an der Spitze ist mein Platz, nur dort werde ich in meiner Potenz gesehen!" - einer Potenz, die sich ja lediglich aufbaut aus der Energie, die ihm die Anderen ihm entgegenbringen.
Was für ein Teufelskreis!

 

"Ohne mich bist Du nichts!" - dieser Kernsatz des Narzissten zum Machterhalt spiegelt also eigentlich sein eigenes Drama wieder, denn es der Narzisst selbst, der ohne den Anderen nichts ist! Zwar mag der Narzisst mehr materielle Macht in Form von beruflichem oder gesellschaftlichem Einfluss oder Geld aufgebaut haben. Doch über zentrierende psychische Kraft, die für wahre Stabilität im unkontrollierbaren Fluss des Lebens unabdingbar ist, verfügt er nicht.

 

Ist in narzisstischen Beziehungen der/die Partner/In der chronischen Subordination müde geworden und es leid, den Part der/des Schwächeren einzunehmen bewirkt das Erkennen des wahren, zugrundeliegenden Kräfteverhältnisses ein sofortiges Aufwachen. Als würde man aus einer tiefen, langwährenden Hypnose wieder zu sich kommen, den Kopf schütteln, die Augen reiben und sich gewahr werden, dass man lange Zeit einen ziemlich üblen Nachtmahr träumte.

Unmittelbar mit dieser Erkenntnis stellen sich die Weichen der Beziehung neu. Auf Rückforderung der Power des einst Unterlegenen, was fast immer in Trennung endet, denn ein Narzisst KANN sich einfach nicht hingeben oder auf Augenhöhe einlassen - dies käme für ihn einer Niederlage, einem Gesichts-und Potenzverlust gleich.

 

Oder aber der seelische Leidensdruck im Narzissten selbst wird so groß, dass ihm sein eigenes Unterbewusstsein die Entscheidung abnimmt und seine Heilung einleitet. Diese kann nur erfolgen wenn dem Narzissten alle äußeren Definitionsanker genommen werden und er von den Anderen isoliert ist. Nur in diesem sozial auf sich allein gestellt sein ist der Narzisst gezwungen, seine Wertungsantennen von außen nach innen zu verlagern. Eintauchen in die eigene Leere, Durch-schreiten tiefer Täler von Orientierungslosigkeit, Selbstzweifeln, Identitätslosigkeit, Absenz jeglicher Art Rückmeldung von Umwelt. 

Das ist eine schaurige Horrorvorstellung für alle Narzissten; sie gleicht dem Tod und ist es ja auf psychischer Ebene auch. Und dennoch ist dieses Heraussterben aus der vorigen, künstlichen Persönlichkeitshülle notwendig, damit aus diesem RESET erstmalig ein gesundes, wahrhaftiges Ich wachsen kann.

 

Langsam, langsam vollzieht sich dieser Prozess; in Ruhe, innerer Stille, dem Lauschen ins eigene Dasein, aus dem anfangs noch ausschließlich das Geschnatter der Außenwelt widerhallt, dann langsam verebbt, und nach einer Phase der Antwortlosigkeit, klar, kraftvoll, gezielt die ersten Worte und Botschaften der eigenen Seele ertönen. 

Innere Worte, die körperlich gefühlt werden, weil ihre Energie eine Wahrhaftigkeit und Kraft in sich birgt, die der Narzisst zuvor noch nie erfahren hat. Erstmals die tiefdurchdringende Gewissheit von: "Ja, das ist richtig, das stimmt jetzt wirklich für mich. Das ist es was ich wirklich bin und will !"

 

Dominanz und Unterwerfung werden erkannt als unnötige Kraftvergeudung. An ihre Stelle tritt das Ziel sich selbst kennen zu lernen und bedingungslos zu sich zu stehen, ohne Zwang zu pompösem Schnickschnack im Außen. Auch die Augen des einstigen Narzissten öffnen sich erstmalig wirklich, werden fähig, Andere wirklich wahrzunehmen. Nicht durch den Filter des wertemäßigen Abcheckens, sondern abwartend und offen. Die Bereitschaft zu friedlicher Koexistenz keimt...

 

"Ohne mich bist Du nichts!" - der langjährige Kernsatz nun erkannt, nicht als Mittel zur Knechtung anderer, sondern als Rückruf der eigenen Seele.

 

 © 2020 Monika Jalil. Alle Rechte vorbehalten.

Dieser Text darf mit Hinweis auf Autorin und Copyright kostenlos geteilt, jedoch nicht verändert werden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0